Dating Sabotage

Aktualisiert: 27. Dez. 2021



Yeah, ich habe am Wochenende ein Date. Ein Date. Äh...ja... Hhhmm. Irgendwas funkt mir da rein in die Freude. Na klar, meine Gefühlspolizei, wer sonst. Achtung Achtung, einfach nur freuen, ne ne, so geht das nicht. Bitte rechts ran fahren und anschnallen. Pffff, Sicherheitsgedanken, here weg go: Du findest ihn eigentlich nur so semi gut. Anziehend ja, aber habt ihr einen Draht zueinander? Der lebt schon in einer sehr anderen Welt als du. Und wenn es gut wird? Was machste dann? Wäre ja eigentlich schön. Wieso fühlt es sich dann so komisch an? Macht mir Angst. Nein, das Date macht mir keine Angst. Bisschen aufregend, na klar. Aber was, wenn es so richtig gut werden würde? Er so richtig angetan von mir und ich so von ihm und wir beide so voll auf einander abfahrend, dass die Haut prickelt und die Luft knistert? Was dann??? Argh. Was, wenn ich ihn richtig toll finde und er mich auch? Eigentlich genau das, was ich mir in meinen sexy Fantasien immer ausmale. Man sieht sich, quatscht anstandshalber ein paar zerknautschte Sätze und -booom- fällt über einander her. Was, wenn es so eine Anziehung sein wird und mir das am Wochenende passiert? Was wäre so schlimm daran?


Wenn ich ihn dazu dann noch so richtig cool finden würde, mega. Wenn ich ihn aber nur so medium cool finde, was ich befürchte, weil ich jetzt schon weiß, dass unsere Lebenswelten sehr unterschiedlich sind, dann blöd. Dann würde ich in einem Sex-Dilemma landen. Zum Glück bin ich nicht mehr 23 und durchschaue diese Dinge heute besser, ha ha! – denke ich zumindest. Notiz an mich: Nicht mit der Muschi denken und fühlen!!! Denk ans Herz. Hand aufs Herz. Findest du ihn wirklich gut oder ist es nur körperlich. Ehrlich bleiben, auch wenn du sehr liebesbedürftig bist, wie aktuell wahrscheinlich so manche Pandemic-Lonely-Hearts. Er bestimmt auch.


Hach ja, wieso stelle ich mir all diese Fragen, wo doch noch gar nichts passiert ist. Wieso male ich den Teufel an die Wand, ohne zu wissen, wie er aussieht (zwei Hörner und stark gerötete Haut)? Immer dieses vorweg-eilen (man kann es in diesem Kontext auch vorwegGeilen lesen) der Befürchtungen. Noch gar nichts gelaufen. Chill mal. Entspann mal dein Face, Alter. Besonders die Stirn. Oh ja, Problem-Stirni, wird immer faltiger. Du willst doch gut aussehen zum Date. Also, weniger Sorgen, mehr sexy. Mach dich locker. Lass es einfach auf dich zukommen. Hey, ihr trefft euch bei ihm. Kannst immer gehen, wenn es dir nicht mehr gefällt. Wirst ihn auch nie wieder treffen, wenn du nicht möchtest. Ihr lebt in verschiedenen Stadtteilen, keine gemeinsamen Freunde. Perfekt. . . . . . . .

. . . . . . . Aber was, wenn es gut wird?

Dann kannst du immer noch sehen, was du daraus machen willst.

Aber was, wenn es nicht gut werden kann, weil ein Teil in mir das gar nicht möchte? – Autsch. Das war ehrlich. Welcher Teil ist es denn, der dies verhindern möchte, bitte mal melden. Ah ja, die Angst, hallo, Angst. Wie kann ich helfen? Oh verstehe, du möchtest dich nicht in jemanden verlieben, den du uncool findest. Ach so, weil deine Freund*innen ihn uncool finden würden. Na klar. Sag mal, was für eine oberflächliche B*** bist du eigentlich? Du denkst wohl, du bist Miss Ober-Cool, was? Wovor hast du wirklich Angst – und erzähl mir nicht wieder so einen Mist!


Es gibt nur cool und uncool. Und wie man sich fühlt. (My so-called life).

Es gab und gibt nur wenig Menschen/Männer, die ich bisher so richtig, richtig, richtig cool fand oder finde. Und mit jeder neuen Begegnung, die dem nicht entspricht, bei der ich mich nicht so 1000% wohl und verstanden fühle, wächst mein Misstrauen, meine Befürchtung, dass es in dieser Welt niemanden für mich gibt.


Ich weiß, das klingt eingebildet, aber ich habe weniger Angst davor, dass mich niemand gut finden könnte, als andersherum, dass ich niemanden gut finde. Gut ist untertrieben. Cool und toll. Was es braucht, um mich zu verlieben. Mein Herz sehnt sich so sehr nach Nähe und Verliebtheit, dass es manchmal weh tut. Jede Begegnung, die Hoffnung weckt ohne sie erfüllen zu können, vergrößert die Kluft. Auf der einen Seite ich, einsam und allein. Auf der anderen Seite die anderen, die sich mit weniger zufrieden geben können. Happy together. Ich weiß, eine Partnerschaft ist ein Kompromiss, perfekt gibt es nicht. Und ich habe es probiert. Aber ohne Verliebtsein geht es nun mal nicht. Und trotzdem macht es die Sehnsucht und die Einsamkeit immer größer. Ich schätze mal, ich habe Angst davor, dass beides für mich zu groß wird und sabotiere mein Date stattdessen schon im Vorfeld, um weniger enttäuscht zu sein. Kann ja gar nicht passen, weißt doch, dass ihr viel zu unterschiedliche Typen seid. . . . bla bla bla. Ok, hab’s kapiert. Besser: offen bleiben, ohne Erwartungen und Angst vor Enttäuschung an die Sache ran gehen. Die große Kunst des Datings im 21. Jhd. Ich gebe mir Mühe, ich versprech’s.

War das schon immer so, dass ich meine Dates sabotiert habe? Nein. Kam mit dem Alter und den Erfahrungen. Witzig nur, dass sich an meinem romantischen Wesen wenig geändert hat. Ich glaube noch immer an ganz große Liebe, die alles überstrahlt und die alles besiegen kann, was sich ihr in den Weg stellt. Die ein Leben lang hält und bis ins hohe Alter romantisch und sinnlich ist. Die aus zwei Herzen eins macht. Darunter will ich einfach nicht mehr mitspielen. Mit weniger will ich mich nicht zufrieden geben. Auch wenn es weh tut, weil anspruchsvoll anstrengend ist und einsam macht. Alles andere fühlt sich aber an wie Selbstbetrug. Hand auf’s Herz: Lieber sehnsüchtig allein als unglücklich zu zweit. Autsch. Die Wahrheit tut manchmal weh.